Heut schreiben wir Freitag, den 13. Oktober 2017, ein guter Tag für den neuen Menüpunkt:

"aktuelle gedanken". 

 

Vor einer reichlichen Woche las ich zum ersten Mal einen Satz, dessen zweiten Halbsatz ich vorher auch noch nie gehört hatte. Ein hoher Funktionär sprach über den Staat: "Es ist an der Zeit, dass wir uns ehrlich machen."

Gestern las ich die Wendung zum zweiten Mal: in der Kommentarspalte einer virtuellen Tageszeitung. 

"Sich ehrlich machen" - eine neue Spielart des Opportunismus'? 

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Der Pazifik wird täglich mit mehr als dreihundert Tonnen kontaminierten Wassers aus Fukushima vergiftet. Noch Jahrzehnte wird dies fortdauern. Doch die Leute streiten sich allerorten. Wegen Macht und Geld bringen sie sich um, hier noch zumeist in den Bildern von überallher. Wir befassen uns mit Gender-Toiletten, Maut und Mannschaftsspielen. Das Schicksal unserer Ozeane müsste uns am Herzen liegen, schließlich sind wir Menschen, doch wir tun nicht dergleichen. Die Fische bekommen Krebsgeschwüre, wir sind gelegentlich erschüttert. Ich appelliere an die Einflussreichen und Regierungen „und schreibe an alle.“ - „Das schmeißen die in’ Papierkorb“, sagt mein dreizehnjähriger Sohn. 

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Es wird von der digitalen Revolution geredet, ohne zu klären, von wem diese Revolution weswegen gemacht wird. Wenn Sie mich fragen, ich hab mir das Zeug für`s Geschäft ins Haus holen müssen. Eine Wahl hatte ich nicht. 

So wie sich natürliche Arten nur langsam verändern, dauert auch die digitale Revolution lange, für eine Revolution ungewöhnlich lange. Die französische, die friedliche oder die orangene Revolution nahmen ungleich weniger Zeit in Anspruch. Ist die digitale Revolution ein Schöpfungsakt natürlichen Ausmaßes? 

Danach werden wir aufhören. Es kommt ein Anderes und ist schon lange da. Kommentieren lässt sich das nicht, vielleicht satirisch, doch das schießt am Ziel vorbei. Die digitale Revolution ist so etwas wie der Einschlag vor fünfundsechzig Millionen Jahren. Die Revolutionäre sitzen es, sterben es aus. 

Vögelchen, wenn sie alles kaputt gemacht haben, singst du dann noch von Liebe? Oder hast auch du den elektrischen Klang? 

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Eine Lehrerin für Deutsch und Politik fragte mich, ob ich einen Unterschied beim politischen Interesse  Jugendlicher im Vergleich zu vor zwei Jahren feststellte, ich sei mit meinem Buch „Mensch Nazi“ doch viel an Schulen unterwegs, politisch habe sich schließlich viel geändert in diesen zwei Jahren - ob sich dies im Interesse der Jugendlichen an Politik niederschlage. Sie stellte die Frage im Anschluss an meinen musikalisch-literarischen Vortrag in der Aula vor zirka hundertfünfzig Schülern.

Ich verneinte und sagte: „Von sich aus interessieren sich Jugendliche normalerweise nicht für Politik. Sie interessieren sich fürs andere Geschlecht. Politik ist nicht mal zweitrangig. Das Interesse für Politik wird von den Erwachsenen an sie herangetragen, um sie besser manipulieren zu können.“

Keiner der jungen Leute erhob Einwände.

Nach der Veranstaltung fragte mich die Lehrerin unter vier Augen, ob das ironisch gemeint gewesen sei?

Wieder verneinte ich.

Sie fragte: „Und der Politikunterricht?“

„Abschaffen.“

„Und statt dessen?“

„Lebenskunde.“

Sie nickte und sagte: „Das machen die Lehrer mit Fünfzig plus sowieso mehr und mehr.“ 

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Mit dem Wörtchen auch haben die Deutschen ihre Schwierigkeiten. Drei Beispiele: Ende 1987 kam Jörg zu mir in den Prenzlauer Berg: Die Gruppe Staatsbürgerrecht wolle zur Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17.Januar 1988 ein Transparent hochhalten. Er fragte, was auf dem Transparent stehen könnte. Es war eine Staatsdemonstration, Ausreisewillige hatten da nichts zu suchen. Sie wollten mit dem Protest auf sich aufmerksam machen, um die Bearbeitung ihrer Ausreiseanträge zu beschleunigen. Ich nannte Jörg die Randnotiz zum Aufsatz „Über die russische Revolution“ von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“ 

Entweder hatte er es sich nicht richtig gemerkt oder das Transparent war zu klein: Auf auch hatte man jedenfalls verzichtet. So wurde aus Luxemburgs gut gemeinter Randnotiz ein widersinniger Spruch, der seitdem durch die Medien geistert und bei jeder unpassenden Gelegenheit öffentlich hergesagt wird: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Na, dann Prost, Mahlzeit!

Das zweite Beispiel führt uns nach Dresden, wo die Pegida ruft. Was ruft sie? „Wir sind das Volk“. Fügte sie an dritter Stelle unser Wörtchen ein, käme sie der Wahrheit einen kleinen Schritt näher.

Oder einen großen: 1989, Leipzig, Hunderttausende, viele, doch bei weitem nicht alle, zehn Prozent von allen. Also wäre auch hier ein auch angebracht gewesen, um nicht so zu tun, als gäbe es die anderen nicht. 

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Wie freundlich ging es heut zu: Der Optiker schenkte mir einen Sehtest, die Orthopädie-Fachverkäuferin wies mich ganz nebenbei darauf hin, dass mein linker Unterarm kräftiger ist als der rechte, die Sekretärin meines Steuerberatungsbüros lächelte schon an der Tür, die Bettwäsche-Verkäuferin führte mich ohne Umschweife zu den preiswerten Laken, im Apple-Shop kam ich gleich dran.

Das wirkt noch zu Hause nach. Der Blick schweift (die neue Brille testend). Die Bandagen an den Armen sitzen tadellos. Die Akten sind im Keller verstaut, die neue Freisprechanlage funktioniert fabelhaft. Das Laken hängt zum Trocknen vor böigem Wind auf dem Balkon in Höhe des dichten Laubwerks zweier Birken, die ihre weißen Schriftzeichen gen Himmel raunen. Ein Hochzeits-Hupkonzert auf dem Kottbusser Damm. Holz schreit unterm Sägeblatt. Von fern und nah Tatütata. Abends-Uhrzeit-Stimmung. 

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Weisst Du warum wir heute sagen: Ich lebe in der Freiheit und nicht ich bin frei? Von der Freiheit kann immer mal ein Stück abgeschnitten werden. Wird von einem freien Mann etwas abgeschnitten, geht er als Arbeitskraft zumeist verloren.

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Nach all der Verrohung, die Rom über den Norden gebracht hatte, musste etwas her, das uns mittlerweile wie ein Gitter für Leib, Geist und Seele umschließen will: Die Ethik. Ich stehe immer noch ratlos daneben, wenn das Wort Ethik fällt, und schaute am liebsten im Fremdwörterbuch nach. Dabei habe ich dies schon einige Male getan: „Sitte, Brauch, Gewohnheit.“ 

Zumindest die ersten beiden Begriffe sind auf das lange Miteinander eines Volkes angewiesen, um sich überhaupt herausbilden zu können. 

Sitte und Brauch pochen als Worte in mir, die stiften mich zu etwas an, während Ethik mich zu nichts anstiftet, mir im Gegenteil etwas vorschreibt und als Fremdwort mit seiner in hiesigen Breiten weniger als drei Jahrhunderte dauernden Bedeutungsgeschichte irgendwie aufgesetzt klingt, oktroyiert, wie wir heute sagen. Ich glaube, der Breitengrad ist für den Charakter enorm wichtig. 

Seitdem die Macht entsprechende Mittel in die Hand nimmt, um sich geistig vollkommen an die Stelle der Eltern setzen zu können, ist es ihr möglich, eine neue Ethik innerhalb von zwei Generationen in Stand zu setzen: „Alle sind gleich.“ 

Ein junger Mann, mit dem ich am Ufer des Landwehrkanals ins Gesprächs kam, sagte betrübt: „Das Schlimmste ist die eigene Bedeutungslosigkeit.“ 

Billiger ist Gleichheit nicht zu haben. Bedeutung schwindet, bis deren Umrisse im Nebel Einerlei unkenntlich sind.

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Die Koralle kennt den Papageienfisch nur zu gut. Oft hat er sich schon in ihrem Astwerk vor Fressfeinden verborgen. Doch dann, so mir nichts, dir nichts, beißt er sie mit seinem Schnabel. Im Vorbeischwimmen! Es scheint ihm eine Lust zu sein. Normalerweise heilt die Bisswunde wieder. Leider ist für die Koralle immer seltener „normalerweise“. Nicht für den Papageienfisch. Es macht ihm nichts aus, wenn mehr und mehr Nährstoffe im Wasser treiben. Der Koralle schon. Alle Kraft fließt ihr durch die Bisswunde davon - die heilt und heilt nicht. So passiert es, dass der Papageienfisch letztlich zum Mörder an der Koralle wird. 

Vielleicht ist es ihm aber auch in den genetischen Code geschrieben: Er muss die Koralle beißen, sonst ist er kein Papageienfisch. Sie hat an ihren Enden genau die richtige Härte, dass er seinen Schnabel daran prüfen kann. Prüfte er ihn an etwas Härterem, bräche der Schnabel entzwei. So sind es also wieder einmal wir, die unnormalen Menschen, die vor Gericht gestellt gehören. Normalerweise wäre der Ozean nicht so satt. 

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Ist ich dieser und jener, sollte es nicht ich sondern wir heißen. Angesichts unseres gemeinsamen Leibs ist ein friedliches Miteinander angeraten, weil auch dieser mitleidet, mutet jener beispielsweise der Leber zu viel zu. Es soll schmerzfrei zugehen, darüber wacht ein innerer Rat, der parallel zum steigenden Lebensalter an Einsicht gewinnt. Wir sprechen vom reifenden Selbst, das uns diesen oder auch jenen suspekt, nicht vertrauenswürdig erscheinen lässt. Sowohl dieser als auch jener wird mit den Jahren entweder vom reifenden Selbst bekehrt oder verabschiedet, in die Wüste geschickt, wo er verloren eine Jahreszeit herumsteht und dann traurig verdorrt. Übrig bleibt der Sterbliche, der ewig leben will.  

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Wenn Du weißt, wie die Dinge funktionieren, musst du nur die richtigen Knöpfe und entsprechenden Hebel in der vorgesehenen Reihenfolge drücken und bewegen., um etwas zu erreichen, das du niemals erreicht hättest, lägen die richtigen Knöpfe und entsprechenden Hebel nicht in deiner Reichweite. Diese suchst du auf, wo immer du kannst. Du bist ein moderner Mensch und damit zum Aufenthalt in den Reichweiten der richtigen Knöpfe und entsprechenden Hebel verurteilt. 

Dir kommt eine Stromsperre in die Quere. Du wartest ab. Du rennst nicht in den Wald hinein, zwischen die stillstehenden Bäume, hörst nicht die am Himmel ziehenden zwölf Schwäne, ihr Rauschen - so rauscht die Zeit -, nein!, du erstarrst, als lebtest, moderner Mensch, du von Strom. 

Probiere es aus, gehe in den Dschungel. Lass dich von den Mücken stechen, koppele dich ab, sei erdfarbenfrei. Ein Leben außer Reichweite zu den richtigen Knöpfen und entsprechenden Hebeln! 

Träume wenigstens davon oder schaue dir Filme an oder weiß es wenigstens zu schätzen, moderner Mensch, dass die richtigen Knöpfe und entsprechenden Hebel dich etwas erreichen lassen, was dir ohne sie versagt bliebe: deine Unfreiheit, dich nur in Reichweite zu den richtigen Knöpfen und entsprechenden Hebeln wohl und als moderner Mensch zu fühlen. 

Willst du Sklave von Leblosem sein? Hast du es in deinem Fleisch gespürt? Kamen die Flüche gar nicht erst auf? War dein Widerspruch ein halbherziges Nicken, das niemand sah, weil niemand da war, als du nicht gefragt wurdest, wie du leben willst? 

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Ein Mann, nennen wir ihn Joachim, erbte eine große Geldsumme, kaufte sich davon Gold und vergrub es in einem Wald, den er extra dafür gekauft hatte. Dann verbrachte er eine Zeit im Ausland. Nach seiner Rückkehr ging er zu dem Wald. Doch den Wald gab es nicht mehr, stattdessen war da ein See.

Der Erste, dem er begegnete, war der Fischer, der zu Zeiten des Waldes Förster gewesen ist. Es seien riesige Maschinen gekommen, sagte der, einen Monat habe es gedauert. Jetzt sei alles anders hier - und auch wieder nicht, denn außer des Sees anstatt des Waldes sei alles wie immer. Früher hieß es Weidmanns Heil, heute Petri Heil. Ihn wunderte nur, dass er noch keinen Fisch gefangen hatte. Glücklicherweise beziehe er vom Eigner des Sees ein regelmäßiges Gehalt.  

Joachim schwindelte es. Eine zweite Erbschaft war nicht zu erwarten. Er setzte sich ans Ufer und war verzweifelt. Plötzlich tauchte vor ihm eine Kröte auf und sprach: „Der Schatz ist in Sicherheit.“ Als Beweis hielt sie einen winzigen Goldbarren hoch. Frohen Herzens sprang er davon, denn wenn ihm der Wald gehörte, gehörte ihm auch der See. Am nächsten Morgen kam er wieder ans Ufer und ließ einen flachen Stein über den Wasserspiegel hüpfen, die Kröte erschien: „Was willst du?“

Joachim glaubte, etwas Bedrohliches in ihrer Stimme zu hören. „Ach, nichts. Ich wollt’ nur mal sehen, ob noch alles“,  

„Du willst Gold“, fiel sie ihm ins Wort. 

„Nur ein bisschen.“ 

„Wofür?“ 

Er brauche Geld für eine Waschmaschine.

Die Kröte schnarrte: „Abgelehnt!“, und verschwand. 

Lange saß Joachim jetzt am Ufer. Sein einziger Trost war, dass die Kröte ja wohl auch keinem anderen etwas von dem Schatz aushändigte. Doch dann geriet er in Zorn: Was verwaltete eine Kröte sein Gold!? Wie kam überhaupt der See dorthin, wo sein Wald gestanden hatte? 

Er ging auf’s Amt. Gegen eine Gebühr durfte er die Unterlagen einsehen: Der See gehörte einem Konsortium, das auch der Kröte und dem Fischer vorgesetzt war. Während seines Auslandsaufenthalts habe es ein allgemeines mehrheitsfähiges Interesse gegeben. 

Da platzte Joachim der Kragen. „Sie glauben doch nicht etwa, dass ich mir das bieten lasse?“ 

„Ihnen hat ein Wald gehört“, sagte die Angestellte genervt, „nicht ein See. Sie hatten die Möglichkeit zum fristgemäßen Widerspruchs.“ 

„Ich war im Ausland!“

„Auf Wiedersehen.“

Er ging an den See und ließ einen Stein übers Wasser hüpfen.

„Was willst du?“ Die Kröte sah aus, als wäre sie schon gestorben, ihre Stimme klang wie aus dem Grab. 

„Wenn du mir mein Gold nicht gibst, vergifte ich den See!“ Er hielt eine Büchse Chemikalien hoch. 

Sie lachte grässlich. „Hast du dich nie gefragt, warum an dem See nicht ein einziger Angler sitzt? Denkst du, ich wäre hier, müsste ich nicht meine Kinder ernähren?“ 

Er rief: „Wir machen Halbe, Halbe und hau’n ab!“ 

„Du Träumer“, schnarrte sie und tauchte unter. Einige Wellenkreise auf dem bleiernen Wasserspiegel waren die einzigen Zeugen.

„So geht das nicht!“, schrie Joachim, „Ich will mein Gold.“ Wild sprang er umher.

Am anderen Ufer telefonierte der Fischer. Ein Krankenwagen fuhr heran. Joachim leistete keinen Widerstand. Er war froh, dass sich jemand seiner annahm.

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Es gibt Forscher, die versuchen, Erinnerungen mit Lichtblitzen umzupolen. Es wird zwar noch einige Jahre bis zur Markreife dauern, doch dann ist ein schlechtes Erlebnis keine Last mehr. Nur noch Licht wird dann sein, kein aus dem Schatten treten. Dann wird die eigene Vergewaltigung zu etwas Schönem, das man immer wieder haben möchte. 

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