Liedermacher, Barde, Chansonnier: Wer auf Stephan Krawczyks Kunst stößt, wird immer wieder mit Zuordnungen dieser Art konfrontiert, die jede für sich schon eine Menge Anlass böten, hinzuhören. Sie haben aber den Nachteil, dass sie alle zwar zutreffen, doch erst im Ensemble das ganze Talent dieses Künstlers erfassen. Denn Krawczyk ist nicht nur ein meisterhafter Kompositeur, der auf kraftvolle wie zarteste Verse anderer kraftvolle und zarte Melodien schreibt – er ist selber ein Dichter, der sich der Welt, die er besingt und beschreibt, nicht nur radikal ausliefert, er reflektiert sie auch radikal: im ästhetischen Spiel wie dramatischen Kommentar, in der Melancholie des Wissenden wie in der Sehnsucht des Naiven. Eben deshalb ist er auch kein Dogmatiker der Disharmonie, geschweige denn ein sentimentaler Harmoniker. Aber was er ist, verschweigt er nie und seine Kunst erst recht nicht: ein Tröster im Trostlosen, ein Liebender im Lieblosen, ein Herzensreicher im Herzlosen. (Ulrich Schacht) 

 

OTZ, 20.5.2016 - von Guido Berg

Liedermacher Stephan Krawczyk spielte in Saalfeld – und kaum einer nahm Notiz davon.

Als er sagte, was der Westen hören wollte, war er ein Star: Der Liedermacher und DDR-Dissident Stephan Krawczyk. Am Mittwoch kam er nach Saalfeld. Die Saalfelder nahmen keine Notiz. Ein Fehler!

  

Erst kannte sie kaum jemand. Dann fiel die Mauer. Plötzlich wollte sie jeder kennen. Die Dissidenten, die Unangepassten, die Propheten der Wende. Es waren diese wenigen Wochen Ende 1989, da mal bei einem Stephan-Krawczyk-Konzert gewesen zu sein, mehr Eindruck schindete als, sagen wir, Tickets für die Rolling Stones.

Mittwochabend in Saalfeld. Verdi-Schulungszentrum. Der Journalist Roman Grafe hat zur Seminarwoche „Grenzwanderung“ einen Freund eingeladen. Sein Name: Stephan Krawczyk!

Zwei oder drei Saalfeldern haben sich auf den Rödern hochgeschleppt, der Rest der Konzertbesucher sind Seminaristen aus dem westlichen Bundesgebiet. Sie sind auf „Grenzwanderung“ – da kann ihnen der Richtige was erzählen: Krawczyk wurde im Januar 1988 verhaftet, saß 16 Tage in Stasi-Haft, bevor sie ihn zwangsausbürgerten. „Erst als ich mein Land verlassen hatte, spürte ich meine Wurzeln“, sagt er. Von der Haft direkt auf den Spiegel-Titel, „das schlaucht!“

Drei Dinge sind klar nach den ersten Liedern: Krawczyk ist ein begnadeter Gitarrist. Mit der deutschen Sprache kann er so gut wie Lindenberg oder Brecht. Und er ist zu sensibel, um nicht außer sich zu sein vor Zorn. Er ist ein Seismograph der Verlogenheit und Heuchelei jeder Zeit. Der vor 1989. Der danach. „Endlich sagt‘s mal jemand!“, hat ihm mal ein Konzertbesucher zugerufen. Zu Glyphosat zum Beispiel. Das wird wohl weiter zugelassen, weil die Weltgesundheitsorganisation ein Gutachten hat. Es sei nicht krebserregend. „Diese Schweinebande!“, donnert der 60-Jährige, diese WHO, „die Konzern­interessen vertritt!“

Oder DDR-Nostalgie. Krawczyk: „Die Romantisierung dieser Zeit ist nicht auszuhalten!“ Auch dieses „Gewöhne an die neue Zeit, diese Schönfärberei!“ missfällt ihm. Krawczyk erinnert sich an Briefe, die er seiner Freundin schrieb, als er bei der Armee war. Briefe der Sehnsucht, die sie stillte „beim nächsten Urlaub“. Heute schicken sich die Liebenden Smileys, „keine schöne Entwicklung“. Er fragt: „Ist das Absicht, dass uns die Sprache abhanden kommt?“

 

Nun war auch ich bei einem Krawczyk-Konzert! Wen kümmern schon die Stones?

 

Hier der Link zu einem Kurzfilm im Theater Brandenburg November 2014

http://www.skb-tv.de/news/stephan-krawczyk-ruckblick-die-ddr/